{"id":560,"date":"2016-06-20T22:49:43","date_gmt":"2016-06-20T20:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.juspax.ch\/de\/?p=560"},"modified":"2020-12-16T11:59:31","modified_gmt":"2020-12-16T10:59:31","slug":"nachhaltiges-wirtschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juspax.ch\/fr\/nachhaltiges-wirtschaften\/","title":{"rendered":"Nachhaltiges Wirtschaften"},"content":{"rendered":"\n<p id=\"yui_3_15_0_1_1588766830204_244\"><strong>Katholische Ethik und der Markt<\/strong><\/p>\n\n\n<div id=\"yui_3_15_0_1_1590089839307_205\" class=\"attribute-description\">\n<p><strong>Gastkommentar von THOMAS WALLIMANN-SASAKI und ROBERT UNTEREGGER<\/strong><\/p>\n<p id=\"yui_3_15_0_1_1590089839307_207\">Martin Rhonheimer schl\u00e4gt zur Bek\u00e4mpfung einer nicht genauer bestimmten Armut \u00abBusiness\u00bb als L\u00f6sung vor: Kapitalismus und Marktwirtschaft, freies, profitorientiertes Unternehmertum. Produktivit\u00e4tssteigerung \u2013 ohne Umverteilung \u2013 ist der Weg zum Wohlstand f\u00fcr alle, auch f\u00fcr die \u00c4rmsten. Den Vertretern der katholischen Soziallehre wirft er vor, die Arbeit des Unternehmers zu \u00fcbersehen. Eine solche allgemeine Position halten wir f\u00fcr fragw\u00fcrdig.<\/p>\n<p id=\"yui_3_15_0_1_1590089839307_204\">In wissenschaftstheoretischer Hinsicht argumentiert Rhonheimer monokausal, mit einer goldenen Formel: Die L\u00f6sung f\u00fcr fast alles ist das freie Unternehmertum. Wir leben jedoch in einer komplizierten Welt. Hier wirken viele Faktoren \u2013 auch beim Wirtschaften: Bildung, gesellschaftlich-politische Stabilit\u00e4t, Infrastrukturen, eine nicht durch Korruption kaputte Verwaltung und Politik, Unternehmer, Angestellte und Arbeitende mit Augenmass, eine lebendige Kultur und Moral. Einfache Formeln greifen in der vielschichtigen Wirklichkeit so nicht. Auch die Wirtschaftswissenschaften m\u00fcssen auf der Grundlage konkreter geschichtlicher und gesellschaftlicher Zust\u00e4nde arbeiten.<\/p>\n<p>F\u00fcr Rhonheimer scheint es kaum echte Probleme zu geben. Doch die Welt steht vor gr\u00f6ssten Herausforderungen, auch wirtschaftlich: Wir suchen Antworten auf den Klimawandel. Seit 1950 stieg die Anzahl Autos in der Schweiz von 150 000 auf \u00fcber vier Millionen. Der Energieverbrauch hat sich verf\u00fcnffacht. Warum haben wir eine zuverl\u00e4ssige Versorgung mit Wasser, aber keine zuverl\u00e4ssige Geldordnung? Kurz: Wie sieht eine tragf\u00e4hige Wirtschaftsordnung in einer endlichen Welt aus? Was soll wachsen, was schrumpfen? Wie gehen wir lokal, national oder global vor, und was bedeutet die Forderung von Christine Lagarde, Direktorin des W\u00e4hrungsfonds, das Sich\u00f6ffnen der Schere zwischen Arm und Reich zu bek\u00e4mpfen? Rhonheimer muss aus dem Dornr\u00f6schenschlaf seines unaufgekl\u00e4rten \u00d6konomismus erwachen und sich der Komplexit\u00e4t unserer Welt stellen.<\/p>\n<p>Auch sein Umgang mit dem Kompendium der katholischen Soziallehre ist fragw\u00fcrdig. Er liegt falsch, wenn er die Forderung nach einem \u00abfamiliengerechten Lohn\u00bb daraus verbannt. Im Kompendium steht: \u00abDie Arbeit ist (. . .) die Voraussetzung f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Familie (. . .). Um dieses Verh\u00e4ltnis zwischen Familie und Arbeit zu bewahren, muss der Familienlohn, das heisst der Lohn, der ausreicht, um der Familie ein menschenw\u00fcrdiges Dasein zu erm\u00f6glichen, ber\u00fccksichtigt und gesch\u00fctzt werden.\u00bb Wenn Rhonheimer eine andere Position vertritt, dann sollte er diese als eigene Position kenntlich machen.<\/p>\n<p>Was kann nun die katholische Soziallehre angesichts dieser Herausforderungen beitragen? Papst Franziskus signalisiert die Richtung: In der Enzyklika \u00abLaudato si\u2019\u00bb erg\u00e4nzt er die traditionellen Grunds\u00e4tze der katholischen Soziallehre \u2013 Personalit\u00e4t (Mensch im Zentrum), Solidarit\u00e4t (vorrangige Option f\u00fcr die Armen und Benachteiligten), Subsidiarit\u00e4t (vor Ort tun, was m\u00f6glich ist; in gr\u00f6sseren gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen nur, was dort besser getan werden kann), Gemeinwohl (das Wohlergehen aller im Blick) \u2013 mit den Grunds\u00e4tzen der Nachhaltigkeit (Auswirkungen unseres Handelns auf k\u00fcnftige Generationen) und einer ganzheitlichen \u00d6kologie (alles h\u00e4ngt mit allem zusammen). Er fordert dazu auf, diese Grunds\u00e4tze vor Ort in den jeweiligen Kontext einzubringen. Die konkreten Menschen und die Folgen f\u00fcr sie haben den Vorrang vor abstrakten Ideen. Es ist ermutigend und erfrischend, dass die Schreiben des Papstes wie die Agenda 2030 der Uno eine Welt zeichnen, die wieder zukunftsf\u00e4hig werden soll und kann. Dazu braucht es den Beitrag aller. Business allein reicht nicht. Wirtschaftswissenschafter, Gesellschaftswissenschafter und Sozialethiker k\u00f6nnten dazu einen wichtigen Beitrag leisten.<\/p>\n<p>Thomas Wallimann-Sasaki ist Pr\u00e4sident ad interim der sozialethischen Kommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz, Robert Unteregger ist Mitglied der Kommission und Mitgr\u00fcnder der Stiftung Zukunftsrat.<\/p>\n<p>Mit diesem Beitrag beenden wir vorl\u00e4ufig die Debatte um die katholische Sozialethik und ihr Verh\u00e4ltnis zu Markt und Unternehmertum.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"attribute-pdf_file\">\n<p>NZZ &#8211; Freitag, 10.Juni 2016 &#8211; Zuschriften 9<\/p>\n<\/div>\n\n<a class=\"download\" href=\"https:\/\/www.juspax.ch\/fr\/wp-content\/uploads\/sites\/10\/2020\/05\/20160413LeserbriefezuRhonheimer.pdf\" download>2016 04 13 Leserbriefe zu Rhonheimer <i class=\"fa btn btn-download fa-download\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<a class=\"download\" href=\"https:\/\/www.juspax.ch\/fr\/wp-content\/uploads\/sites\/10\/2020\/05\/20160420SaudekanRhonheimer.pdf\" download>2016 04 20 Saudek an Rhonheimer <i class=\"fa btn btn-download fa-download\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a>\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n<a class=\"download\" href=\"https:\/\/www.juspax.ch\/fr\/wp-content\/uploads\/sites\/10\/2020\/05\/2016_04_NZZ_KSL_Kapitalismus_Rhonheimer.pdf\" download>2016_04_NZZ_KSL_Kapitalismus_Rhonheimer <i class=\"fa btn btn-download fa-download\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastkommentar von THOMAS WALLIMANN-SASAKI und ROBERT UNTEREGGER<\/p>\n<p>Martin Rhonheimer schl\u00e4gt zur Bek\u00e4mpfung einer nicht genauer bestimmten Armut \u00abBusiness\u00bb als L\u00f6sung vor: Kapitalismus und Marktwirtschaft, freies, profitorientiertes Unternehmertum. 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